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Wort für die Woche



46. Woche | Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres – 11. November 2018

Was kann denn ich dafür?

Das habe ich mich immer schon gefragt. Und eigentlich ein Leben lang nach einer Antwort gesucht. Inzwischen immerhin schon 66 Jahre. Nämlich: Wie bin ich nur zu dem geworden, der ich heute bin? Natürlich habe ich über die Zeit hin eine Fülle von Antwort-Angeboten bekommen. Meine Mutter war die erste Sinndeuterin. Sie sagte immer im Blick auf ihre Kinder: Der liebe Gott hat euch von Anfang an so fertig geformt, wie Ihr bis heute geblieben seid. Daran kann niemand etwas ändern! Dann kam die Zeit ganz anderer Welterklärer. Genau vor 50 Jahren hieß es: Nein, so unschuldig ist das Leben nicht, als dass jede Entwicklung von der Kindheit bis ins Alter ganz schematisch, völlig automatisch verlaufen würde. Manche Kinder haben gute Eltern. Die lassen sie etwas lernen. Andere vernachlässigen schmählich ihren Nachwuchs. Wer ist nun haftbar für die unterschiedlichsten Ergebnisse? Die Kleinen oder die Großen mit ihrer Macht und Fähigkeit? Und diese Frage wuchs ins weltweite Geschehen hinein: Was kann ein Afrikaner dafür, wenn er mit allen ihm noch gebliebenen Möglichkeiten sein Leben versucht zu retten, wenn sein Land ihm dieses brutal nehmen will? Philosophen wie Erasmus von Rotterdam sprachen von dem „Freien Willen“, den ein Mensch habe, um selber für seine Zukunft Verantwortung zu übernehmen. Immanuel Kant schloss sich dem an. Schließlich ist der Mensch kein gezähmtes Geschöpf, sondern mit Verstand, Herz, Ideen, Wissen und Tatkraft ausgestattet, um Herr und Frau seines Leben werden zu können. Ich denke noch einmal zurück, was und wer mich geprägt hat: sicherlich mein Elternhaus mit seinen wunderbaren kulturellen Angeboten. Manche Lehrer und Professoren natürlich auch. Meine Freunde. Meine Kinder. Meine Frau. Sie alle haben mich geformt und geprägt – und ich habe mir die Formung und Prägung gefallen lassen. Dennoch bleibt die Frage nach der Verantwortung, die ich selber für mein facettenreiches, also auch schwieriges Leben übernehmen muss. Unter diesem fast schon quälenden Ausblick leidet Hiob besonders. Eigentlich hatte er doch in seinem Leben alles richtig gemacht. Er war fromm. Er hatte gute Kinder. Er genoss seine Erfolge. Nun sitzt er  am Ende seiner Jahre auf einem Scherbenhaufen und weiß überhaupt nicht, wie er dorthin geraten ist. Freunde aber meinen, er sei selber schuld daran. Gott will ihn erziehen. Und da beschreibt Hiob das Los des Menschen ganz anders als die optimistischen Menschendeuter: Mitnichten ist er stark, selbstbewusst und frei. Ganz im Gegenteil. Eine verblühte Blume, das ist er, ein Schatten, voller Unruhe und Tragik. Und dafür, für diesen unabänderlichen Lauf, soll er nun die Verantwortung übernehmen? „Was kann denn ich dafür?“, hat er in seiner Not gerufen, „wenn Gott alles bestimmt, was ist dann meine Schuld daran?“ Da ist sie wieder, meine Lebensfrage. Was ist an meiner Entwicklung von Oben, was von der Seite, was von Unten her bestimmt? Hiob möchte vor diesen quälenden Fragezeichen endlich Ruhe haben. Viele hundert Jahre später hat Martin Luther von dem „Unfreien Willen“ des Menschen gesprochen. Er hat sich tatsächlich nicht selber in der Hand. Aber er kann seine Hände ausbreiten und darauf hoffen, dass Gott die unbegreiflichen Seiten des eigenen Lebens in ein „kleines Bündlein versiegelt“ (Hiob 14,17) und so dafür sorgt, dass jeder Mensch am Ende versöhnt zu sich, zu Gott hin findet.

Predigttext für den Sonntag

Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

Hiob 14,1-6



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