Wort für die Woche

20. Sonntag nach Trinitatis
Älterwerden ist etwas für Träumende

„Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an!“ Stimmt das? Ich bin in diesem Jahr 66 geworden. Ich mache mir Gedanken über das, was war und was kommt. Was habe ich als Pfarrer bewegt? Was habe ich versäumt? Und dann die Frage: worauf kann ich mich freuen? Angst vor dem Altwerden? – Ach was! Ich kann das Ende nicht aufhalten, aber ich lebe! Heute! Ich höre gern die Musik laut! Ich bewege mich! Ich lese und halte mein Gehirn wach. Ich höre nicht auf zu träumen.

Der „Prediger Salomo“ beschreibt das Älterwerden mit Einfühlungsvermögen und Sympathie. Vermutlich erlebt der als weise geltende König Salomo es gerade selbst. Er beschreibt sein Altwerden in Bildern: „Die Hüter des Hauses zittern“: Hände und Arme sind gemeint, die müde werden. Was haben sie auch alles geleistet! „Die Starken krümmen sich“: Beine und Füße werden lahm. Welche Strecken sind sie auch gegangen! „Müßig stehen die Müllerinnen“: Die Zähne werden schwächer, und die dritten lassen einen vorsichtiger zubeißen. „Finster werden sie, die durch die Fenster sehen“: Die Augen werden schwächer. „Die Türen an der Gasse schließen sich“: Was haben unsere Ohren alles gehört, hören müssen. Jetzt entgeht ihnen Einiges. „Die Stimme der Mühle wird leise“: So ganz laut kann unsere Stimme nicht mehr rufen. Es klingt eher wie ein Vögelchen, so hoch und fein. Angst vor Steigungen? Sicher! „Der Mandelbaum blüht“: die Haare werden grau. „Die Heuschrecke belädt sich schwer“: Das Tragen macht Mühe. „Die Kaper zerplatzt“: Die Sexualität lässt nach.  Das Alter ist nicht immer angenehm, aber es ist nicht nur Last:  Ich muss nichts mehr leisten! Ich muss auch nicht mehr ganz vorne stehen. Beides sollen jetzt andere tun. Ich kann mein Leben entrümpeln, aufräumen, Wichtiges vom Unwichtigen unterscheiden.

 

„Denk an deinen Schöpfer!“ Was ist mir in meinem Leben alles von Gott geschenkt worden! Ich werde dankbar für so vieles. Ich bin bewahrt worden, trotz allem. Und jetzt darf ich so sein, wie ich bin: nicht fehlerfrei, nicht mehr so beweglich, aber ich kann Spaß haben an Kleinigkeiten, kann mit den Enkeln herumtollen, kann ihnen Geschichten erzählen (nein, früher war nicht alles besser!). Ich habe immer noch Interesse an Aktuellem. Ich habe Zeit zum Träumen. Ich

freue mich auf das, was kommt. Amen.

Predigtext für den Sonntag

1Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe die bösen Tage kommen und die Jahre nahen, da du wirst sagen: »Sie gefallen mir nicht«; 2ehe die Sonne und das Licht, der Mond und die Sterne finster werden und die Wolken wiederkommen nach dem Regen, – 3zur Zeit, wenn die Hüter des Hauses zittern und die Starken sich krümmen und müßig stehen die Müllerinnen, weil es so wenige geworden sind, wenn finster werden, die durch die Fenster sehen, wenn die Türen an der Gasse sich schließen, dass die Stimme der Mühle leise wird und sie sich hebt, wie wenn ein Vogel singt, und alle Töchter des Gesanges sich neigen; wenn man vor Höhen sich fürchtet und sich ängstigt auf dem Wege, wenn der Mandelbaum blüht und die Heuschrecke sich belädt und die Kaper aufbricht; denn der Mensch fährt dahin, wo er ewig bleibt, und die Klageleute gehen umher auf der Gasse; – ehe der silberne Strick zerreißt und die goldene Schale zerbricht und der Eimer zerschellt an der Quelle und das Rad zerbrochen in den Brunnen fällt. 7Denn der Staub muss wieder zur Erde kommen, wie er gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat.

 

Prediger Salomo 12, 1-7

Gebet:

Treuer Gott. Ich danke dir für alles, was ich mit deiner Hilfe geschafft habe. Ich denke nach vorn und gebe die Hoffnung nicht auf, dass ich den Menschen in meiner Umgebung immer noch wichtig bin, dass mein Rat gefragt ist, dass mein Dabeisein Freude macht.

Ich möchte das Leben genießen, möchte träumen und auf eine unbeschwerte Zukunft hoffen.

Amen

Wochenspruch:

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert; nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.

  

          Micha 6, 8

Autor:

Pfarrer Martin Gres
/ Moers

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