Wort für die Woche

Misericordias Domini
Vertrauensvoll leben

Bei der Fahrt über Land taucht rechts in der Ferne am Hang eine Schafherde auf. Bei genauerem Hinsehen entdecken die Kinder nach einer Weile auch den Schäfer und die Hunde. Wenn wir so unvermittelt solch eine Herde zu Gesicht bekommen, ist bei uns die Freude groß. Und ich denke manchmal, so erwachsen kann ein Mensch doch gar nicht werden, dass sich nicht jedes Mal neu die Freude über diesen lieblich-ländlichen Anblick einstellt. Pastorale nennt man solch eine Szene. Es ist ein ungewohnter Anblick, wie entsprungen aus einer sicheren Märchenkindheit in kuscheligen Betten, die Schlafuhr im Arm. Aber irgendwie will eine Schafherde doch nicht so richtig in unsere Welt aus Klimakatastrophe, Pandemie, Genmanipulation und Börsencrash passen. Am ehesten vielleicht noch – auf der Bildebene – zu der Welt, in der sich die furchtbaren Flüchtlingskatastrophen ereignen.

 

Der heutige Sonntag heißt „Hirtensonntag“. Die Bibel weist immer wieder darauf hin, dass wir einen Gott haben, der ein Hirte ist. Schon der – neben der Weihnachtsgeschichte in Lukas 2 – vermutlich bekannteste Text der Bibel, Psalm 23, beginnt mit dem Bekenntnis: „Der Herr ist mein Hirte“. Was also ist Gott zunächst einmal nicht? Er ist kein aggressiver Herrscher, kein manipulativer Diktator, kein narzisstischer Populist, wie wir sie heute so übermäßig satthaben. Nein, unser Gott ist ein Hirte und das ist wesensmäßig genau das Gegenteil von Populismus und Propaganda. Unser Gott sagt – so steht es in unserem Predigttext: „Ich will mich meiner Herde selbst annehmen“ (Hes. 34,11) und Jesus sagt – so steht in unserem Wochenspruch: „Ich bin der gute Hirte“ (Joh. 10,11). Ich habe mal mit einem richtigen Hirten gesprochen, der war ein bodenständiger Fachmann, ein naturverbundener Realist, aber er war auch – wie vermutlich sie alle – ein bisschen ein Lebenskünstler. Er sprach sehr verständnisvoll und liebevoll von seinen Tieren. Schnell wurde mir klar: Es handelt sich um ein Vertrauensverhältnis zwischen ihm und seinen Schafen. Außerdem verstand ich: Er hat die Schafe geführt – und er hat ihnen gleichzeitig gedient, sich um ihre Bedürfnisse gekümmert, um ihre Verletzungen und existentiellen Nöte, wie etwa die häufig auftretenden Gebärmuttervorfälle. Wenn Jesus sagt: „Meine Schafe hören meine Stimme“ (Joh. 10,27), dann spricht er auch vom Propheten Hesekiel, der unseren Predigttext mit den Worten einleitet: „Und des Herrn Wort geschah zu mir“ (Hes. 34,1). Aber spricht er auch von uns? Auf wessen Stimme hören wir? Auf wessen Stimme höre ich?

 

Predigtext für den Sonntag

1Und des HERRN Wort geschah zu mir: 2Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? (…)10So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen. 11Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. 12Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. 13Ich will sie aus den Völkern herausführen und aus den Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und wo immer sie wohnen im Lande. 14Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels. 15Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der HERR. 16Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist. (…) 31Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR.

 

Hes 34,1-2(3-9)10-16.31

Gebet:

Du, mein Hirte! Ich sitz dir zu Füßen, bin ganz Ohr. Ich folge dir, weil ich verstehe, du meinst es gut mit mir. Du kennst mich am besten, weißt, was ich am meisten brauche. Sprich nur ein Wort, so wird sie gesund meine Seele, mein lieber Hirte Jesus.

Amen

Wochenspruch:

Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.

    Joh 10,11a.27-28a

                       

Autor:

Dipl. Theol. Mathias Jeschke
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